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"Symbols of the world unite!" - 130*90cm - Öl auf Leinwand - 1995



"Kann bei übermäßigem Genuß abführend wirken" - 140*100 cm       - Öl auf Mischgewebe - 1997


"DJ of my century" - 200*150cm - Öl auf Mischgewebe -  1999/2000


"Solitudo"               - 60*45cm - Öl auf Mischgewebe - 1999


"Kühl reflektiert" - 45*65cm - Öl auf Leinwand - 1998




So sitzt er nächtens da, der Maler, und muß sich nun aber beeilen. Bevor der Zwischenfirnis trocken wird, wollen die hellen Stellen an den Weintrauben mit Kremserweiß, Phtalocyaninblau und etwas Gelbem Lack in die Lasur gesetzt sein, sonst wirkt das wieder nicht richtig. Nicht richtig echt. Vielleicht sollte er da etwas Titanweiß reinmischen, damit es nicht nachher zu dunkel wird. Aber dann geht die Transparenz wieder verschütt und das will man ja nun auch nicht.

Im Radio läuft die „Lange Nacht der Lüste“. Zuhörer dürfen anrufen und erzählen, was sie ganz persönlich denn so befriedigt, auf Wunsch auch annonym. Anneliese K. aus Meppen berichtet, wie sehr es sie befriedige, wenn ihr Freund – also ihr Ex-Freund eigentlich, mit dem sei leider seit ein paar Wochen Schluß, aber als noch nicht Schluß war, da taten sie’s, naja, jedenfalls damals habe er sie manchmal, na gut, genaugenommen nur zweimal, mit Joghurt eingerieben und das dann abgeleckt... Und das habe sie dann immer sehr befriedigt.

Den Maler würde es schon befriedigen, wenn das Kremserweiß beim Auftrocknen nicht schon wieder zu so kleinen Inseln gerinnen würde, wenn endlich mal der glatte Übergang zwischen der warmen Untermalung und den kühlen Lichtern sich erzielen ließe, ohne nochmaliges Vertreiben mit dem Flachpinsel. Doch nein, die Dammar-Lösung hat wieder nicht die richtige Konsistenz, zu dünnflüssig, und so läuft da die Suppe runter und muß aufgefeudelt werden und statt daß mal der flotte Pinselstrich stehenbleiben könnte, muß er, der Maler, wieder nachträglich pingeln. Das ist doch entnervend! Wie hat denn verdammtnochmalundzugenäht der alte de Heem das hingekriegt? Der Maler stiert in den Museumskatalog, auf dieses „Prunkstilleben mit Hummer“ und die Trauben dort auf dem Silbertablett und er stiert und stiert und gleich werden ihm die Adern in den Augäpfeln platzen und es hilft alles nix: Die Reproduktion schweigt sich aus über de Heems genaue handwerkliche Vorgehensweise. Man müßte eben doch das Original zur Hand haben. Und da den Schlußfirnis abkratzen, und dann durch etwas Schaben herausfinden, in welcher Reihenfolge denn nun die Schichten übereinandergehören...

 Ralf L. aus Bad Oeynhausen ist in der Leitung. Er soll nun erzählen, was ihn so befriedigt. Aber er will eigentlich über was ganz anderes erzählen. Denn diese Sache mit dem Joghurt, die die Vorrednerin erwähnte, das sei doch nachgemacht, das habe die sich nicht selbst ausgedacht! Das habe er schon mal in irgendeinem Film gesehen oder in einer Zeitschrift gelesen...

 Nun langt’s. Der Maler geht zum Radio und wechselt das Programm. Klassik, irgendeine Brucknersinfonie. Sowas paßt zum Malen, ruhig, majestätisch, fett in den Bässen und schon zig Male gehört. Deswegen stört es nicht. Gewandhausorchester Leipzig möglicherweise. Oder irgendein anderes Orchester.

Der Maler mischt doch noch ein Quentchen Titanweiß hinzu. Nicht zuviel, wegen der Transparenz und so... Das ist doch alles abgeguckt! Phantasielos! Sinnlos! Unspontan. Joghurt aus dem Bauchnabel lecken – was für ein Klischee! Bruckner als Hintergrundklangteppich. Easy listening. Altbackene Trauben auf Silbertellern. Na gut, jetzt, wenn man etwas von der Leinwand weg geht, dann wirken sie schon ziemlich real. Dem Betrachter sozusagen schamlos die feuchten Glanzpunkte entgegenstreckend. Klar: So ein Licht gibt’s normalerweise nicht, so sauber von schräg links oben. Das ist unecht. Surreal vielleicht. Oder doch eher: irreal. Kopiert, zitiert, recycled und zum xten Male verwurstet. Aber es sieht aus wie in echt! Fast.

Crescendo. Schlußakkord. Die Nachrichten. Guten Morgen, meine Damen und Herren, es ist Dienstag, der fünfundzwanzigste, zwei Uhr. Palästinenserführer Arafat hat... Fünf obligatorische Minuten Weltgeschichte schauen auf nen Sprung vorbei. Unecht, irreal, kopiert, zitiert, zum xten Male dasselbe versprochen, gebrochen, in die Luft gesprengt. Die da in Afrika schlagen sich die Köpfe ein, der Bundestag hat in zweiter Lesung die neueste Steuerreform ratifiziert, und bei dem Erdbeben in Chile sind genaue Zahlen bezüglich der Todesopfer noch nicht amtlich gesichert. Der Maler sieht sich dabei vor dem gravierenden Problem, daß die Überschneidung von Tellerrand und Weinglas genau in dem Punkt stattfindet, wo auch die hintere Tischkante auf die rückseitige Wand trifft. Sowas irritiert optisch und sieht immer doof aus. Seine Probleme möchte man haben! Heute Nacht werden wieder mal ein paar Millionen Kinder geboren, die Pandabären sterben aus, die innerparteiliche Krise der PDS wurde nicht beigelegt und der Maler beschäftig sich allen Ernstes mit der Überschneidung von Tellerrand und Weinglas!

Warum malt er nicht wenigstens was zeitgemäß Abstraktes oder was Expressives? Und warum malt er überhaupt? Ist das nötig? Es gibt doch schon genug Bilder und inzwischen ja die Fotografie und auch sollte man bedenken, daß es genügend Probleme gibt, die zu lösen mal wirklich sinnvoll wäre. Warum rettet der Mann nicht den Regenwald oder schafft wenigstens ein paar sichere Arbeitsplätze am Standort Deutschland? Aber nein, der feine Herr macht sich’s in seinem Atelier bequem und malt Sachen, die alle schon mal irgendwo zu sehen waren. In einem Film oder einer Zeitschrift... Was ist das überhaupt für eine Existenz, sich mit Dingen zu beschäftigen, die niemand braucht, die nichts beweisen, die keinen Ausweg aus der permamenten Krise weisen?

Was er da tut, wenn er den Schatten eines Pflaumenblattes modelliert, ist sowas von absurd – man fragt sich, ob eine derartige Existenz diesen Namen noch verdient. Ist das denn real? Wo bleibt die Verhältnismäßigkeit? Kann das wirklich sein? Bildet man sich das nicht vielleicht nur ein? Die Dinge, die da zu sehen sind auf der Leinwand – die sind ja nicht echt. Die sind ausgedacht. Nicht mal nach Modell, sondern Kopfgeburten. Ohne wirlichen Lebenszweck. Virtuelle Trauben. Wie hieß noch gleich der Kerl, der behauptete, man habe die Welt als rein ästhetisches Phänomen zu betrachten? Und warum ausgerechnet die alten Holländer? Gibt es da inhaltliche, soziale, politische, religiöse oder sonstige Bezugspunkte? Und: wer will das wissen?

Zudem dauert es ja auch so lange. Wochen, nein, Monate! Mit Bruckner und Beethoven, Mahler und Debussy im Hintergrund und zwischendurch, zu allen vollen Stunden, Arafat, Putin und Corinna F. aus Ludwigshafen. Bei Kunstlicht, weil sich das nicht ändert.

Nun gut – es ist sein Leben. Wenn er meint, daß es nichts Wichtigeres zu tun gäbe, als sich die Nächte um die Ohren zu schlagen, indem man Reflexpunkte auf die Nuppen von Weingläsern appliziert, wenn er das tatsächlich als seine Realität akzeptieren kann, dann, von uns aus, meinetwegen...

Aber so richtig echt und real und authentisch ist’s eben nicht, oder? Da kann man sich auch gleich vor den Computer setzen und in virtuelle Kunstwelten abtauchen, wie die heutige Jugend, diese Amokläufer und  Pisa-Versager. Ceterum censeo: das Große Ganze paßt irgendwie nicht zusammen. Wir wiederholen uns, aber man kann es ja gar nicht oft genug anklagen, nicht wahr? Es ist alles ein falscher Schein, obszöne Dekadenz, das Balancieren auf dem Seil der verantwortungslosen Belanglosigkeit, fleisch- und blutlose Künstlichkeit.

Er wäscht die teuren Rotmarderhaarpinsel sorgfältig aus, zuerst in Terpentinersatz, nachher noch mit warmem Wasser und nach Kamille duftender Seife. Im Hintergrund eine Passacalia von Bach. Der tote Glenn Gould spielt freundlicherweise für ihn, während er den Malmitteltopf abdeckt, den Rechner hochfährt und die ersten zwei Level problemlos durchkommt. Dann fraggt ihn einer der Bots und dann nochmal und diese Stelle ist ja auch verdammt schwer, weil weit und breit kein Medi-Kit zu sehen ist. Reload. Während er das Sturmgewehr gegen den Raketenwerfer wechselt, fällt ihm ein, daß er es das nächste Mal vielleicht einfach mit Chromoxidgrün versuchen sollte, statt umständlich Phtalocyaninblau und Gelben Lack zu mischen..

"(You gained a) Second Life" - Öl auf Leinwand- 170*150cm - 1998

 

"Candle in the wind" - Öl auf Leinwand - 75*95cm - 1997

 

"Pistaziengebäck und Puderzucker" - Öl auf Leinwand - 95*75cm - 1998

  

"Vanitas mit Konservierungsstoffen" - Öl auf Leinwand - 150*110cm - 1999

 

"VR" - Öl auf Mischgewebe - 95*75cm - 2001



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